Gedanken zu den fünf Tugenden des Sokrates

Die Liebe zur Erkenntnis stellt den zentralen Ausgangspunkt meiner Gedankenwelt dar. Es ist jeden Tag eine Herausforderung, sich den Gedanken und Vorstellungen seiner Geisteswelt zu stellen und zu überprüfen. In vielen Gedanken steckt ein Irrtum. Diesen Irrtum gilt es zu finden und die Gedanken zu erneuern. Niemals darf man sich auf einer gewonnenen Erkenntnis ausruhen, sondern muß darauf gefaßt sein, die Dinge aus einer anderen Sicht betrachten zu müssen. Diese Art zu Denken macht mich nicht nur tolerant gegenüber Menschen, die anders Denken, sondern auch einsichtig hinsichtlich des unbedeutenden Seins der eigenen Gedanken. Zwar versuche ich mein Leben im Einklang eigener Erkenntnis zu führen und mich nicht von Manipulationen anderer leiten zu lassen, aber die Gedanken eines Anderen können mich durchaus dazu bewegen, meine Meinung zu ändern, wenn mich diese Gedanken nach eigener Prüfung überzeugen. 

Die Gerechtigkeit ist ein Mittleres zwischen Anmaßung und Kriecherei. Das bedeutet, daß ich Stärkeren, wie zum Beispiel einem Vorgesetzten, und Schwächeren, wie zum Beispiel einem Kind, in der selben Art und Weise entgegentrete. So verdient jeder Mensch die gleiche Art von Zuwendung und Höflichkeit, ob er nun Bundeskanzler ist oder ein Bettler unter einer Brücke. Er verdient, daß man ihn als menschliches Wesen achtet und seine persönlichen Rechte akzeptiert. Ebenso ist es aber auch wichtig, den Menschen nicht mehr Respekt entgegenzubringen als sie verdienen. Ein Mörder bleibt ein Mörder, ob er reich oder arm ist. Und nur weil einer einen höheren Lebensstandard hat, darf man diesem nicht mehr Rechte einräumen als jedem anderen sonst. 

Die Besonnenheit bedeutet für mich, meine Handlungen meiner Erkenntnis unterzuordnen. Einfach formuliert: Erst Denken, dann Handeln. Natürlich muß die Bedenkzeit der Situation angepaßt sein. Wenn ich Auto fahre, darf ich natürlich nicht lange nachdenken ehe ich bremse. Dennoch ist es in den meisten Situationen doch ratsam, sich Gedanken zu machen, bevor man etwas tut oder mit jemandem redet. 

Die Tapferkeit bedeutet für mich persönlich zu seinen Ansichten zu stehen. Hat man eine Erkenntnis für sich gefunden und versucht man sein Leben nach solch einer Erkenntnis zu gestalten, gehört auch der Mut und die Tapferkeit dazu, diese Ansicht gegenüber anderen zu verteidigen. So kann zum Beispiel jemand, der zu der Einsicht gekommen ist, daß er keinen wehrlosen Menschen tötet, dies niemals auch unter größtem Zwang tun. Aber auch im alltäglichen Leben gibt es Situationen für solche Formen der Tapferkeit: Wenn man von etwas überzeugt ist, hat man auch in einer Gesprächsrunde dazu zu stehen, selbst wenn man als einziger dieser Meinung ist und einen die Argumente der Anderen nicht überzeugen. 

Die Frömmigkeit bedeutet für mich zunächst jedem seine Form des Glaubens zuzugestehen. Ich persönlich lebe in dem Glauben, nicht nur in einer physikalischen Welt zu leben, sondern auch andere "Kräfte", die in der Welt wirken, als vorhanden zu betrachten. Dinge dieser Art kann ich in keiner Weise beweisen, aber es ist meiner Meinung nach mindestens ebenso sinnvoll an etwas zu glauben als es nicht zu tun. So glaube ich an die Existenz der menschlichen Seele und so, wie ich es möchte, als Seelenwesen behandelt zu werden, will ich auch andere behandeln. Frömmigkeit bedeutet für mich auch eine gewisse Demut gegenüber einem größeren Ganzen. Jeder für sich ist ein unersetzliches Teil einer für uns nicht zu erkennenden größeren Wahrheit.